Seinen Hut nehmen: 5 deutsche Redewendungen mit Kleidung
„Hast du schon gehört? Unser Chef nimmt seinen Hut.“
„Seinen Hut?“
„Ja, ich weiß auch nicht genau, was passiert ist. Aber zum Ende des Monats ist er weg.“
So ein Gespräch könntest du morgens in der Kaffeeküche hören. Vielleicht verstehst du jedes Wort und fragst dich trotzdem: Was für einen Hut? Und warum ist der Chef dann weg?
Mit Hüten, Hosen und Schuhen sprechen wir im Deutschen über erstaunlich viele Dinge: über Veränderungen im Job, über Angst, über Schuld und auch über Respekt.
Hier lernst du fünf deutsche Redewendungen mit Kleidung kennen. Du erfährst, was sie bedeuten und wann du sie selbst benutzen kannst. Denn manche klingen freundlich, andere können ziemlich unangenehm werden, wenn du sie zur falschen Person sagst.
Was bedeuten diese Redewendungen mit Kleidung?
„Seinen Hut nehmen“ bedeutet, seine Stelle oder Position aufzugeben. Der Chef aus unserem Gespräch verlässt also die Firma. Ob er überhaupt einen Hut besitzt, spielt dabei keine Rolle.
Diese fünf Ausdrücke begegnen dir im Alltag:
Redewendung | Einfache Bedeutung | Ton und Verwendung |
seinen Hut nehmen | seine Stelle oder Position aufgeben | umgangssprachlich; auch in Nachrichten |
sich in die Hosen machen | große Angst haben | sehr umgangssprachlich; über sich selbst oft humorvoll |
jemandem etwas in die Schuhe schieben | jemand anderem die Schuld geben | vorwurfsvoll: Der Sprecher findet die Beschuldigung unfair |
die Hosen runterlassen | bisher verschwiegene Informationen offen nennen | sehr umgangssprachlich; oft geht es um unangenehme Fakten |
den Hut vor jemandem ziehen | großen Respekt vor jemandem zeigen | anerkennend und im passenden Ton herzlich |
Du kannst diese Ausdrücke auch in der passenden Folge von Uplevel Your German hören. Dort erzähle ich dir die Situationen und Beispiele zum Mitlernen.
Du verstehst die Redewendungen, aber beim Sprechen fallen sie dir nicht ein?
In meinem Sprachclub für Deutschlerner ab B1 sprechen wir jede Woche über ein Thema aus dem Alltag. Du kannst neue Formulierungen ausprobieren und üben, sie auch spontan im Gespräch zu benutzen. Dabei unterstütze ich dich und helfe dir, natürlicher zu formulieren.
1. Seinen Hut nehmen: Geht jemand freiwillig?
Bleiben wir noch kurz bei unserem Chef. Vielleicht hat die Firma seit längerer Zeit Probleme. Wichtige Kunden sind gegangen, die Mitarbeiter sind unzufrieden, und schließlich sagt er:
„Ich habe entschieden, meinen Hut zu nehmen.“
Er gibt seine Position auf. Auf Englisch entspricht das ungefähr to resign oder to step down.
Du hörst den Ausdruck auch, wenn es um Politiker oder Trainer im Sport geht:
„Nach der verlorenen Wahl hat die Parteivorsitzende ihren Hut genommen.“
„Nach fünf Niederlagen musste der Trainer seinen Hut nehmen.“
Das kleine Wort „musste“ verändert hier viel. „Sie hat ihren Hut genommen“ sagt zunächst nur, dass sie ihre Position aufgegeben hat. Warum sie gegangen ist und wie freiwillig das war, erfahren wir dadurch noch nicht.
„Er musste seinen Hut nehmen“ zeigt dagegen: Er konnte nicht einfach weitermachen. Vielleicht wurde er aufgefordert zu gehen, vielleicht wurde er entlassen. Er hatte jedenfalls kaum eine Wahl.
Es muss aber nicht immer ein Problem dahinterstecken:
„Nach zwanzig Jahren in dieser Firma nehme ich meinen Hut. Ich möchte noch einmal etwas Neues anfangen.“
Warum der Ausdruck nicht zum Feierabend passt
Wenn du abends nach Hause gehst, sagst du normalerweise:
„Ich mache für heute Schluss. Bis morgen!“
Mit „Ich nehme meinen Hut“ könnte es dagegen so klingen, als würdest du die Firma ganz verlassen. Da würde dein Kollege vielleicht doch noch einmal vom Bildschirm aufschauen.
Vielleicht kennst du auch schon „alles unter einen Hut bringen“. Dabei geht es darum, verschiedene Aufgaben oder Wünsche miteinander zu vereinbaren, sodass alles möglich ist: zum Beispiel Arbeit, Familie und Deutschkurs. Mehr dazu findest du im Beitrag Alles unter einen Hut bringen: 7 deutsche Ausdrücke für den Alltag.
2. Sich in die Hosen machen: Große Angst haben
Wer sich eine neue Stelle sucht, hat vielleicht bald ein Vorstellungsgespräch. Stell dir vor, du sitzt vor dem Besprechungsraum. Du hast dich vorbereitet, aber das Gespräch ist auf Deutsch. Deine Hände sind kalt und schwitzig, und du gehst im Kopf noch einmal die wichtigsten Sätze durch.
Hoffentlich verstehe ich alle Fragen. Und hoffentlich fällt mir etwas Vernünftiges ein, wenn ich antworten soll.
Eine Stunde später rufst du eine Freundin an:
„Und? Wie war es?“
„Eigentlich richtig gut. Die waren total nett. Aber vorher habe ich mir fast in die Hosen gemacht.“
„Sich in die Hosen machen“ bedeutet hier, sehr große Angst zu haben. Das wörtliche Bild kennst du vielleicht von kleinen Kindern, die es nicht rechtzeitig zur Toilette schaffen. Im Beispiel ist es natürlich nicht wörtlich gemeint.
Mit „Ich habe mir fast in die Hosen gemacht“ beschreibst du deine Angst übertrieben und oft humorvoll. Während des Gesprächs war die Angst vielleicht gar nicht lustig. Hinterher kannst du schon wieder ein bisschen über dich selbst lachen.
„Plötzlich hat es im Flur laut geknallt. Ich habe mir fast in die Hosen gemacht. Dabei war nur mein Rucksack umgefallen.“
Über dich selbst lachen oder andere kleinmachen?
Der Ausdruck ist sehr umgangssprachlich und klingt etwas grob. In einer sachlichen Besprechung würdest du eher sagen: „Wir brauchen jetzt eine genaue Übersicht über die Kosten.“ Im Vorstellungsgespräch selbst passt besser:
„Ich bin ehrlich gesagt ziemlich aufgeregt.“
Außerdem macht es einen Unterschied, über wen du sprichst.
„Ich habe mir fast in die Hosen gemacht“ kann selbstironisch sein. Das heißt: Du lachst ein bisschen über dich selbst.
„Jetzt mach dir doch nicht in die Hosen!“ kann dagegen schnell verletzend wirken. Du sagst damit ungefähr: „Stell dich nicht so an. Es ist doch gar nicht so schlimm.“ Die andere Person fühlt sich mit ihrer Angst vielleicht nicht ernst genommen.
3. Jemandem etwas in die Schuhe schieben: Wer soll schuld sein?
Eine wichtige Bestellung wurde nicht rechtzeitig abgeschickt. Jetzt fehlen Materialien, und ein Kunde wartet.
Der Chef fragt, was passiert ist. Ein Kollege antwortet:
„Ich konnte die Bestellung nicht abschicken. Anna hatte mir die Zahlen nicht geschickt.“
Anna schaut ihn an:
„Moment mal. Ich habe dir die Zahlen am Montag geschickt. Versuch jetzt bitte nicht, mir das in die Schuhe zu schieben.“
„Jemandem etwas in die Schuhe schieben“ bedeutet, jemand anderem die Schuld an etwas zu geben. Wer den Ausdruck benutzt, stellt diese Schuldzuweisung als unfair oder unberechtigt dar.
Anna sagt also ungefähr: Du hast die Bestellung vergessen, aber jetzt soll ich schuld sein.
Am Abend könnte sie erzählen:
„Mein Kollege hat einen Fehler gemacht und versucht jetzt, mir das Ganze in die Schuhe zu schieben.“
In der Redewendung steckt schon eine Bewertung
Vergleiche diese beiden Sätze:
„Mein Kollege sagt, dass ich dafür verantwortlich bin.“
„Mein Kollege schiebt mir das in die Schuhe.“
Beim ersten Satz wissen wir noch nicht, wie die sprechende Person die Sache sieht. Vielleicht war sie tatsächlich verantwortlich.
Beim zweiten Satz hören wir sofort: Sie findet die Beschuldigung unfair. Der Ausdruck beschreibt also nicht nur, was passiert ist. Er zeigt auch die Haltung des Sprechers.
Tipp für deinen eigenen Satz: Lerne gleich die Verbindung jemandem etwas mit: „Er schiebt mir seinen Fehler in die Schuhe.“ So hast du nicht nur die Bedeutung, sondern auch ein Satzmuster, das du benutzen kannst.
4. Die Hosen runterlassen: Jetzt müssen die Fakten auf den Tisch
Ein Kollege organisiert eine Veranstaltung. Er hat einen Raum gebucht, Essen bestellt und sich um die Technik gekümmert. Dafür gab es ein festes Budget, also einen bestimmten Geldbetrag, den er ausgeben durfte.
Nur ist inzwischen alles etwas teurer geworden als geplant.
In der Teambesprechung fragt die Chefin:
„Kommen wir mit dem Geld noch hin?“
„Es wird ein bisschen knapp.“
„Was heißt denn ein bisschen?“
„Na ja, es sind noch ein paar Rechnungen dazugekommen.“
Später sagt eine Kollegin zu dir:
„Morgen muss er die Hosen runterlassen und sagen, wie viel wir wirklich ausgegeben haben.“
„Die Hosen runterlassen“ bedeutet hier, Informationen offen zu nennen, die man bisher für sich behalten hat. Oft ist das unangenehm, weil dadurch Probleme oder Schwächen sichtbar werden.
Bisher hat der Kollege nur gesagt: „Es wird ein bisschen knapp.“ Jetzt muss er konkrete Zahlen nennen.
Der Ausdruck passt auch zu anderen Situationen:
„Er hat wochenlang erzählt, dass sein Projekt gut läuft. Jetzt muss er die Hosen runterlassen und zeigen, wie weit er wirklich ist.“
Es geht um mehr als eine ehrliche Antwort
Die Redewendung bedeutet nicht einfach nur „etwas erzählen“. Sie vermittelt: Jetzt kann jemand die tatsächliche Situation nicht länger verstecken.
Das Bild ist ziemlich deutlich. Ohne Hose fühlt man sich ungeschützt. Ähnlich kann es sich anfühlen, wenn andere plötzlich die eigenen Probleme sehen.
5. Den Hut vor jemandem ziehen: Respekt zeigen
Eine Freundin erzählt dir, dass sie ihre erste Präsentation auf Deutsch gehalten hat. Vor zwanzig Kollegen. Sie hat lange geübt, war vorher unglaublich nervös und hat es dann tatsächlich gemacht.
Du sagst:
„Vor zwanzig Leuten? Und dann auch noch auf Deutsch? Da ziehe ich den Hut vor dir.“
„Den Hut vor jemandem ziehen“ bedeutet, großen Respekt vor dieser Person oder ihrer Leistung zu haben. Du zeigst: Ich sehe, was du geschafft hast, und finde das beeindruckend.
Du kannst auch über eine andere Person sagen:
„Sie arbeitet Vollzeit und lernt abends noch für ihre Prüfungen. Da ziehe ich wirklich den Hut.“
Kürzer geht es mit „Hut ab!“:
„Du hast die Prüfung bestanden? Hut ab! Ich weiß, wie viel du dafür gelernt hast.“
Für mich passt dieser Ausdruck auch gut zu Menschen, die sich in einer neuen Sprache einen Alltag aufbauen. Von außen sieht man vielleicht nur: Jemand hat telefoniert oder ein Gespräch geführt.
Aber wenn du selbst schon einmal in einer anderen Sprache erklären musstest, was du brauchst, weißt du, wie viel Überwindung das manchmal kostet. Überwindung bedeutet hier: Du musst dich erst dazu bringen, etwas zu tun, weil es dir schwerfällt oder Angst macht.
Da kann ein „Hut ab, dass du dich getraut hast!“ wirklich guttun.
Kleine Übung: Welche Redewendung passt?
Meine Strategie fürs Lernen: Wähle einen Ausdruck und verbinde ihn mit einer Person oder Situation aus deinem Leben. Ergänze zum Beispiel laut: „Ich ziehe den Hut vor …, weil …“ So übst du einen Satz, den du auch in einem echten Gespräch sagen könntest.
Häufige Fragen zu Redewendungen mit Kleidung
Was ist der Unterschied zwischen „seinen Hut nehmen“ und „den Hut ziehen“?
Wer seinen Hut nimmt, gibt seine Stelle oder Position auf. Wer vor jemandem den Hut zieht, zeigt dieser Person Respekt. Die Wörter sind ähnlich, aber die Bedeutung ist ganz anders.
Bedeutet „seinen Hut nehmen“, dass jemand entlassen wurde?
Nicht automatisch. Jemand kann auch freiwillig gehen. „Er musste seinen Hut nehmen“ deutet dagegen darauf hin, dass er seine Position nicht behalten konnte.
Sagt man „sich in die Hose machen“ oder „sich in die Hosen machen“?
Beide Formen sind möglich. In der Redewendung können sowohl „die Hose“ als auch „die Hosen“ stehen. Gemeint ist im übertragenen Sinn: große Angst haben.
Kann ich diese Redewendungen im Beruf verwenden?
Das hängt von der Situation ab. „Da ziehe ich den Hut vor Ihnen“ kann anerkennend wirken. „Sich in die Hosen machen“ und „die Hosen runterlassen“ passen eher in sehr lockere Gespräche. „Jemandem etwas in die Schuhe schieben“ enthält einen Vorwurf. In einem Konflikt ist eine sachliche Beschreibung oft hilfreicher.
Wenn morgen jemand seinen Hut nimmt
Erinnerst du dich an den Chef aus der Kaffeeküche? Wenn deine Kollegin morgen erzählt, dass er seinen Hut nimmt, kannst du jetzt nachfragen:
„Hat er das selbst entschieden oder musste er seinen Hut nehmen?“
Du verstehst also nicht nur die Redewendung. Du kannst auch auf einen wichtigen Unterschied reagieren.
Vielleicht denkst du trotzdem: „Beim Lesen verstehe ich diese Ausdrücke. Aber im Gespräch fallen sie mir bestimmt nicht ein.“ Dann komm gern in meinen CharLingua Sprachclub. Dort sprechen wir jede Woche über ein Thema aus dem Alltag. Du kannst neue Formulierungen ausprobieren und üben, sie auch spontan zu benutzen.
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