Alles in Butter, auf dem Holzweg, aus dem Stegreif: Woher deutsche Redewendungen kommen
- Charlotte

- vor 2 Tagen
- 9 Min. Lesezeit
Meine Kinder gehen hier in Bayern zur Schule. Und wenn eines von ihnen nach Hause kommt und sagt: „Wir haben heute eine Ex geschrieben“, klingt das meistens nicht besonders glücklich.
Denn so eine Ex mag wohl kein Kind. Meine jedenfalls nicht.
Bei einer Ex oder einem Ex dachte ich früher immer an eine Expartnerin oder einen Expartner. Aber seit meine Kinder hier in Bayern zur Schule gehen, weiß ich: Eine Ex kann auch ein kleiner Test sein.
Genauer gesagt ist „Ex“ kurz für Extemporale. So einen unangekündigten Test nennt man in Bayern auch Stegreifaufgabe.
Du siehst: Auch als Muttersprachlerin lerne ich immer wieder neue Wörter.
Bei der Stegreifaufgabe habe ich mich allerdings sofort gefragt: Was ist eigentlich ein Stegreif?
Und wenn wir schon dabei sind: Warum ist man auf dem Holzweg, wenn man sich irrt? Und was hat Butter damit zu tun, dass alles in Ordnung ist?
Genau darum geht es hier: um drei deutsche Redewendungen, ihre Bedeutung und die Bilder, die dahinterstecken.
Drei deutsche Redewendungen kurz erklärt
Falls du gerade nur wissen möchtest, was die Ausdrücke bedeuten, kommt hier zuerst die kurze Antwort:
etwas aus dem Stegreif machen = etwas spontan und ohne Vorbereitung machen
auf dem Holzweg sein = sich irren oder von einer falschen Annahme ausgehen
alles in Butter = alles ist in Ordnung
Solche Redewendungen sind ein gutes Beispiel für ein Problem, das viele fortgeschrittene Deutschlerner kennen: Du hörst einen Ausdruck und verstehst ihn.
Aber wenn du selbst sprichst, würdest du ihn wahrscheinlich nicht benutzen.
Genau diesen Schritt vom Verstehen zum eigenen Sprechen üben wir auch im Sprachclub für Deutschlernende ab B1. Dort sprechen wir über echte Alltagsthemen und arbeiten mit Wörtern und Formulierungen, die dir nicht nur beim Lesen bekannt vorkommen sollen, sondern die dir irgendwann auch im richtigen Moment einfallen.
Du möchtest lieber zuhören? In dieser Folge von Uplevel Your German erzähle ich dir die Geschichten hinter den drei Redewendungen.
Was bedeutet „aus dem Stegreif“?
Stell dir vor, du bist auf einer Feier und plötzlich sagt jemand:
„Sag doch auch ein paar Worte über das Geburtstagskind!“
Du hast nichts vorbereitet. Keine Notizen, keinen kleinen Zettel in der Tasche und natürlich auch keine zehn Minuten Zeit mehr, um dir schnell eine perfekte Rede auszudenken.
Du stehst trotzdem auf und sagst ein paar Sätze.
Hinterher könntest du sagen:
„Ich habe die Rede aus dem Stegreif gehalten.“
„Aus dem Stegreif“ bedeutet also: ohne Vorbereitung, spontan, ohne vorher lange zu überlegen oder zu üben.
Das funktioniert nicht nur bei Reden.
„Meine Chefin hat mir plötzlich eine komplizierte Frage gestellt. Zum Glück konnte ich sie aus dem Stegreif beantworten.“
„Ich könnte dir aus dem Stegreif zehn deutsche Redewendungen nennen.“
„Eine halbe Stunde über dieses Thema zu sprechen, könnte ich nicht aus dem Stegreif. Da müsste ich mich vorbereiten.“
Die Redewendung klingt ganz normal und nicht besonders umgangssprachlich. Du kannst sie unter Freunden benutzen, aber genauso bei der Arbeit.
Warum heißt es „aus dem Stegreif“?
Vielleicht hast du bei Stegreif spontan an „stehen“ und „greifen“ gedacht.
Das wäre ziemlich logisch.
Viele Menschen schreiben das Wort deshalb sogar „Stehgreif“. Das ist aber falsch.
Der Stegreif hat weder mit Stehen noch mit Greifen zu tun.
Ein Stegreif war früher eine Bezeichnung für den Steigbügel am Pferdesattel.
Stell dir ein Reitpferd vor: Rechts und links am Sattel hängt jeweils ein Bügel nach unten. Dort stellst du deinen Fuß hinein, wenn du auf das Pferd steigst, und später ruhen deine Füße darin.
Heute sagen wir Steigbügel. Früher konnte man dazu Stegreif sagen.

Der erste Teil des Wortes hängt mit steigen zusammen. Ein „Reif“ konnte früher unter anderem eine Schlaufe oder ein Seil bezeichnen.
Und jetzt wird die Redewendung plötzlich verständlicher.
Etwas aus dem Stegreif zu tun, bedeutete ursprünglich, etwas zu erledigen oder vorzutragen, ohne erst vom Pferd abzusteigen.
Du bleibst sozusagen mit dem Fuß im Steigbügel und machst es gleich.
Keine lange Vorbereitung. Kein gemütliches Absteigen. Keine halbe Stunde, um noch einmal über die perfekte Formulierung nachzudenken.
Und damit ergibt auch die bayerische Stegreifaufgabe plötzlich Sinn.
Du weißt vorher nicht, dass du den Test schreiben wirst. Du kannst dich nicht darauf vorbereiten. Du musst ihn eben aus dem Stegreif machen.
Beliebter wird die Ex durch ihre sprachliche Geschichte vermutlich trotzdem nicht.
Aber zumindest kannst du dir die Schreibweise jetzt leichter merken:
Stegreif – ohne h.
Was bedeutet „auf dem Holzweg sein“?
Die zweite Redewendung kann man sich besonders gut bildlich vorstellen.
Jan und Anja sitzen im Büro und suchen einen Fehler in einer Rechnung.
Jan ist sich ziemlich sicher:
„Der Fehler liegt bei den Zahlen vom letzten Monat.“
Also kontrolliert er diese Zahlen. Noch einmal. Und noch einmal.
Irgendwann schaut Anja auf die Rechnung und sagt:
„Ich glaube, da bist du auf dem Holzweg. Schau mal lieber hier.“
Damit meint sie:
Du irrst dich. Du suchst an der falschen Stelle.
Wenn du auf dem Holzweg bist, gehst du also von etwas aus, das wahrscheinlich nicht stimmt.
Zum Beispiel:
„Ich dachte immer, dieses Wort wäre französisch. Da war ich wohl auf dem Holzweg.“
„Wenn du glaubst, dass Maria die Nachricht geschrieben hat, bist du auf dem Holzweg. Sie war gestern gar nicht im Büro.“
Oder:
„Wir dachten zuerst, das Problem liegt an der Software. Damit waren wir aber auf dem Holzweg.“
Klingt „Du bist auf dem Holzweg“ unhöflich?
Nicht unbedingt. Aber du sagst natürlich trotzdem zu jemandem: Deine Idee ist falsch.
Und da macht es einen Unterschied, wie du den Satz formulierst.
„Du bist auf dem Holzweg.“
Das kann ziemlich direkt klingen.
Etwas weicher ist:
„Ich glaube, da bist du auf dem Holzweg.“
Oder:
„Vielleicht sind wir da gerade auf dem Holzweg.“
Die zweite Formulierung finde ich besonders praktisch, wenn du mit Kollegen sprichst. Mit „wir“ sagst du nicht einfach: Du hast einen Fehler gemacht. Du nimmst dich selbst ein bisschen mit hinein.
Das sind genau die kleinen Unterschiede, die beim Deutschlernen irgendwann wichtiger werden. Du willst nicht mehr nur wissen, was ein Ausdruck auf Englisch bedeutet. Du willst auch wissen: Wie klingt das eigentlich, wenn ich es zu einem anderen Menschen sage?
Woher kommt „auf dem Holzweg sein“?
Ein Holzweg war ursprünglich tatsächlich ein Weg im Wald.
Allerdings nicht unbedingt ein Weg, der zwei Orte miteinander verband.
Über solche Wege wurde Holz aus dem Wald transportiert. Deshalb konnte ein Holzweg einfach irgendwo mitten im Wald enden. Er musste schließlich nicht ins nächste Dorf führen. Er sollte nur dorthin führen, wo das Holz lag.
Stell dir jetzt vor, du wanderst in einer Gegend, die du nicht kennst.
Du siehst einen Weg und denkst: Wunderbar. Wenn da ein Weg ist, wird er mich schon irgendwohin bringen.
Also läufst du los. Der Weg sieht zunächst vollkommen normal aus.
Du läufst weiter. Und weiter. Bis er irgendwann aufhört. Vor dir stehen nur noch Bäume.
Jetzt kannst du umdrehen.
Du warst auf dem Holzweg.
Mein Orientierungssinn ist leider nicht der allerbeste. Ich bin also auf jeden Fall eine Kandidatin, die so einen Holzweg voller Überzeugung benutzt und sich wahrscheinlich erst relativ spät fragt, warum eigentlich sonst niemand in diese Richtung läuft.
Der Ausdruck ist sehr alt. Schon im Mittelhochdeutschen gab es den holzwec, einen Waldweg, über den Holz abtransportiert wurde.
Und aus diesem ganz realen Weg ist irgendwann unser heutiges Bild geworden: Du glaubst, du gehst in die richtige Richtung. Erst später merkst du, dass dieser Weg dich nicht ans Ziel bringt.
Genau deshalb passt die Redewendung so gut zu einer falschen Vermutung.
Was bedeutet „alles in Butter“?
Bei der dritten Redewendung wird es etwas rätselhafter.
Stell dir vor, du bist vor einigen Wochen umgezogen. Eine Freundin fragt:
„Und, wie läuft es mit der neuen Wohnung? Gibt es noch Probleme?“
Du antwortest:
„Nein, alles in Butter. Wir haben uns gut eingelebt.“
Das bedeutet einfach:
Alles ist in Ordnung. Alles läuft gut. Es gibt keine größeren Probleme.
Zum Beispiel:
„Hat die Buchung jetzt geklappt?“
„Ja, alles in Butter. Das Hotel hat sie bestätigt.“
Oder nach einem technischen Problem im Büro:
„Funktioniert der Computer wieder?“
„Ja, alles in Butter.“
Die Redewendung klingt locker und eher umgangssprachlich. Manchmal hat sie auch etwas leicht Humorvolles. Unter Freunden oder mit Kollegen kannst du sie gut benutzen.
An eine Behörde würde ich dagegen eher nicht schreiben: „Mit meinen Unterlagen ist jetzt alles in Butter.“
Da passt: „Es ist jetzt alles in Ordnung.“
Das heißt nicht, dass „alles in Butter“ unhöflich wäre. Es gehört einfach eher zur gesprochenen Alltagssprache.
Woher kommt „alles in Butter“?
Und jetzt wird es schwieriger.
Denn bei dieser Redewendung wissen wir nicht so genau, woher sie kommt.
Vielleicht kennst du die Geschichte mit den Gläsern.
Sie geht ungefähr so:
Früher waren Glas und Porzellan wertvoll und natürlich zerbrechlich. Gleichzeitig waren die Straßen holprig und schlecht. Bei einem längeren Transport konnte also schnell etwas kaputtgehen.
Deshalb, so erzählt man, stellte man die zerbrechlichen Gegenstände in ein Fass und goss flüssige Butter darüber. Die Butter wurde fest und hielt das Glas sicher an seinem Platz.
Dann war buchstäblich alles in Butter.
Ich muss zugeben: Das ist eine ziemlich gute Geschichte. Vor allem kann man sie sich hervorragend merken.
Nur gibt es ein Problem.
Ob die Redewendung wirklich so entstanden ist, lässt sich nicht sicher belegen.
Eine andere Erklärung gilt als wahrscheinlicher: Früher machte es einen deutlichen Unterschied, ob Speisen mit guter Butter oder mit einem billigeren Fett zubereitet wurden. Wenn wirklich alles „in Butter“ war, war die Qualität so, wie sie sein sollte.
Welche Erklärung stimmt?
So genau wissen wir es nicht.
Und eigentlich gefällt mir das fast am besten.
Bei „aus dem Stegreif“ können wir das alte Wort noch ziemlich gut zurückverfolgen. Beim Holzweg ist das ursprüngliche Bild ebenfalls sehr klar.
Und dann kommt die Butter ... und macht nicht mit.
Da bleiben mehrere Geschichten und eine gewisse Unsicherheit.
Sprache ist eben nicht über Jahrhunderte ordentlich dokumentiert worden, nur damit wir heute eine eindeutige Antwort auf jede Redewendung bekommen.
Die drei Redewendungen im Vergleich
Wenn du dir vor allem merken möchtest, wann du welche Wendung benutzen kannst, hilft diese Übersicht:
Redewendung | Das bedeutet sie | So klingt sie |
aus dem Stegreif | spontan, ohne Vorbereitung | neutral; auch bei der Arbeit gut möglich |
auf dem Holzweg sein | sich irren, falschliegen | bildlich; mit „ich glaube“ oder „vielleicht“ etwas weicher |
alles in Butter | alles ist in Ordnung | locker und eher umgangssprachlich |
Vielleicht fällt dir dabei etwas auf: Keine dieser Redewendungen ist besonders kompliziert.
Schwierig wird es erst, wenn du sie selbst spontan benutzen möchtest.
Und das ist bei vielen Wörtern und Ausdrücken so. Du hörst sie und denkst: Natürlich kenne ich das.
Zehn Minuten später möchtest du genau dasselbe ausdrücken – und plötzlich ist das Wort weg.
So bekommst du Redewendungen in deinen aktiven Wortschatz
Deshalb würde ich jetzt nicht versuchen, alle drei Redewendungen auswendig zu lernen.
Nimm eine.
Die, bei der du gerade gedacht hast: Ja, die könnte ich wirklich gebrauchen.
Und dann bau einen Satz über dein eigenes Leben.
Zum Beispiel:
„Gestern musste ich aus dem Stegreif …“
Was musstest du spontan machen?
Eine Frage beantworten?
Im Meeting etwas erklären?
Auf Deutsch telefonieren?
Oder hat dich jemand plötzlich gefragt, wie etwas in deinem Heimatland funktioniert, und du musstest eine kleine Erklärung improvisieren?
Du kannst auch anfangen mit:
„Ich dachte immer, dass … Aber da war ich auf dem Holzweg.“
Vielleicht hattest du einmal eine völlig falsche Vorstellung von Deutschland, der deutschen Sprache oder einem deutschen Wort.
Oder du überlegst dir eine Situation für:
„Jetzt ist zum Glück wieder alles in Butter.“
Und dann sag deinen Satz einmal laut.
Denn damit machst du etwas anderes, als die Redewendung nur zu lesen. Dein Gehirn muss sie selbst abrufen und in deinen eigenen Satz einbauen.
Genau das brauchst du später auch im Gespräch.
Vielleicht kennst du auch das Gefühl, dass dir auf Deutsch genau die Wörter und Formulierungen fehlen, die eigentlich zu dir passen. Warum das so ist, erkläre ich im Artikel „Warum du auf Deutsch nicht ganz du selbst bist“.
Häufige Fragen zu diesen deutschen Redewendungen
Was bedeutet „aus dem Stegreif“?
„Aus dem Stegreif“ bedeutet, etwas spontan und ohne Vorbereitung zu tun. Du kannst zum Beispiel eine Frage aus dem Stegreif beantworten, eine Rede aus dem Stegreif halten oder etwas aus dem Stegreif erklären.
Schreibt man „aus dem Stegreif“ oder „aus dem Stehgreif“?
Richtig ist aus dem Stegreif, ohne h. Der Stegreif war früher eine Bezeichnung für den Steigbügel am Pferdesattel. Das Wort hat also nichts mit „stehen“ und „greifen“ zu tun.
Was bedeutet „auf dem Holzweg sein“?
Wenn du auf dem Holzweg bist, irrst du dich oder gehst von einer falschen Annahme aus. Der Ausdruck geht auf Wege zurück, die zum Abtransport von Holz dienten und im Wald enden konnten.
Kann man zu jemandem sagen „Du bist auf dem Holzweg“?
Ja, aber der Satz kann recht direkt wirken. Etwas weicher klingt zum Beispiel: „Ich glaube, da bist du auf dem Holzweg“ oder „Vielleicht sind wir da auf dem Holzweg.“
Was bedeutet „alles in Butter“?
„Alles in Butter“ bedeutet alles ist in Ordnung oder alles läuft gut. Die Redewendung gehört eher zur lockeren Alltagssprache.
Woher kommt die Redewendung „alles in Butter“?
Die genaue Herkunft ist nicht eindeutig geklärt. Bekannt ist die Geschichte, dass zerbrechliche Waren zum Transport in Butter eingebettet wurden. Eine andere und wahrscheinlichere Erklärung verbindet den Ausdruck damit, dass Speisen mit guter Butter statt mit billigerem Fett zubereitet wurden.
Drei Redewendungen, die plötzlich mehr Sinn ergeben
Wenn eines meiner Kinder das nächste Mal nach Hause kommt und sagt: „Wir haben heute eine Ex geschrieben“, werde ich vermutlich trotzdem zuerst fragen, wie sie gelaufen ist.
Beliebter wird eine Stegreifaufgabe durch ihre sprachliche Geschichte schließlich nicht.
Aber ich denke inzwischen bei diesem merkwürdigen Wort nicht mehr an „stehen“ und „greifen“, sondern an einen alten Steigbügel.
Beim Holzweg sehe ich einen Weg vor mir, auf dem ich vermutlich viel zu lange weiterlaufen würde.
Und bei „alles in Butter“ bleibt ein kleines Fragezeichen.
Vielleicht hilft dir genau das dabei, die drei Redewendungen nicht nur zu verstehen, sondern dich später auch an sie zu erinnern.
Und falls du das nächste Mal in einem Gespräch plötzlich aus dem Stegreif eine davon benutzt: Dann ist eigentlich alles in Butter.
%2013_12_21.png)








Kommentare