Keine Zeit zum Deutschlernen? So integrierst du Deutsch in deinen vollen Alltag
- Charlotte
- vor 18 Stunden
- 9 Min. Lesezeit
Vielleicht kennst du das auch:
Du sitzt abends auf dem Sofa. Dein Tag war voll – Arbeit, E-Mails, vielleicht Kinder, Haushalt, noch schnell einkaufen, eine WhatsApp-Nachricht beantworten…
Und irgendwo dazwischen war dieser Gedanke:
„Ach, ich müsste eigentlich noch ein bisschen Deutsch lernen.“
Und direkt danach kommt der zweite Gedanke, fast automatisch:
„Ich habe einfach keine Zeit zum Deutschlernen.“
Wenn du diesen Satz von dir kennst, bist du hier genau richtig. Und die gute Nachricht: Allein dass du diesen Text auf Deutsch liest, ist schon eine Übung – ohne zusätzliche Zeit im Kalender einzuplanen.
Hier kannst du die passende Episode im Uplevel Your German-Podcast anhören:
„Ich habe keine Zeit“ – ein Satz, der automatisch kommt
Ich arbeite seit vielen Jahren mit Menschen, die Deutsch lernen – in Kursen, im Sprachclub, im Einzelunterricht und auch auf Instagram und Facebook. Immer wieder höre ich denselben Satz:
„Charlotte, ich will ja Deutsch lernen, aber… ich habe einfach keine Zeit.“
Und ganz ehrlich: Ich glaube dir sofort. Dein Tag ist wahrscheinlich wirklich voll. Du hast vielleicht einen Job oder ein Studium, dazu Familie, Kinder oder Freunde, vielleicht sogar die Pflege von Angehörigen. Dazu kommen Haushalt, Papierkram, Arzttermine – und irgendwo dazwischen solltest du ja auch noch schlafen, essen und im Idealfall ein bisschen Sport machen. Natürlich bist du beschäftigt. Das ist keine Ausrede, das ist deine Realität.
Gleichzeitig ist „Ich habe keine Zeit“ oft ein Satz, der oft ganz automatisch kommt. So ähnlich wie: „Ich müsste mal wieder mehr Wasser trinken“ oder „Ich sollte früher ins Bett gehen“. Wir sagen das, nicken – und ändern trotzdem nichts.
Spannend wird es, wenn du den Satz ein kleines bisschen drehst. Statt „Ich habe keine Zeit zum Deutschlernen“ könntest du sagen: „Bisher habe ich mir nicht so viel Zeit fürs Deutschlernen genommen.“ Das klingt im ersten Moment vielleicht etwas unangenehm, aber es zeigt etwas Wichtiges: Es geht nicht nur um Zeit. Es geht auch um Entscheidungen und Gewohnheiten. Und genau daran kannst du etwas verändern – Schritt für Schritt.
Wie wichtig ist dir Deutsch – ganz ehrlich?
Stell dir vor, wir sitzen nach dem Unterricht noch kurz zusammen und du erzählst mir von deinem Alltag. Ich würde dich wahrscheinlich fragen:
„Auf einer Skala von 1 bis 10 – wie wichtig ist dir Deutschlernen im Moment?“
Eins bedeutet: eigentlich gar nicht wichtig. Zehn bedeutet: absolute Priorität.
Nimm dir kurz einen Moment und überlege, welche Zahl bei dir passt.
Viele meiner Teilnehmer landen irgendwo zwischen sieben und neun. Deutsch ist ihnen wichtig, weil sie sich im Alltag selbstständiger fühlen wollen, beim Arzt oder in der Schule verstehen möchten, was passiert, im Job nicht immer auf Englisch ausweichen möchten und nicht jedes Mal gestresst sein wollen, wenn jemand schnell auf Deutsch spricht.
Wenn deine Zahl über fünf liegt, dann ist dir Deutsch wichtig. Dann ist das Problem meistens nicht „Ich will nicht“, sondern eher: „Ich weiß nicht, wie ich es in meinen Alltag einbauen soll.“ Und genau da setzen wir jetzt an.
Was steckt oft hinter „Ich habe keine Zeit“?
Hinter diesem Satz stecken oft innere Gedanken, die gar nicht so sichtbar sind. Viele denken zum Beispiel: „Wenn ich lerne, dann muss ich es richtig machen – mit Buch, Heft und am Schreibtisch.“ Oder: „Fünf Minuten bringen doch nichts. Ich bin abends so müde, morgens auch, ich bin sowieso nicht gut in Sprachen.“
Vielleicht erinnerst du dich an deine Schulzeit: Sprachenlernen bedeutete oft 60 Minuten konzentriert dasitzen, Aufgaben im Buch, Vokabeltests, Hausaufgaben und viele, viele Übungen. Kein Wunder, dass dein Gehirn bei dem Wort „lernen“ sofort an „viel Zeit, viel Anstrengung“ denkt.
Natürlich: Wenn du zum Beispiel in sechs Monaten eine B1-, B2- oder C1-Prüfung machen willst, brauchst du eine Phase, in der du sehr konkret und regelmäßig übst. Da helfen Online-Kurse, 1:1-Unterricht oder ein Kurs in einer Sprachschule mit festen Terminen – wie ein Trainingsplan.
Aber nicht jede Phase in deinem Leben ist eine Prüfungsphase. Und nicht jeder Fortschritt entsteht durch klassische Hausaufgaben. Ganz im Gegenteil.
Warum du auch ohne Hausaufgaben Fortschritte machen kannst
Gerade in meinen Konversationskursen und im Sprachclub erlebe ich etwas sehr Spannendes. Viele Menschen sagen dort: „Charlotte, ich habe keine Zeit für Hausaufgaben. Ich schaffe keine Arbeitsblätter und keine zusätzlichen Übungen.“
Und trotzdem werden sie immer sicherer im Sprechen.
Der Grund ist sehr einfach: Sie kommen regelmäßig, sie sprechen jede Woche, sie reden über echte Themen aus ihrem Leben. Dabei hören sie immer wieder bestimmte Wörter und Strukturen und benutzen sie selbst im Gespräch. Sie haben oft das Gefühl, sie würden „nur“ über interessante Themen reden – aber genau das ist der Punkt. Sie nutzen Deutsch.
Unser Gehirn lernt über Wiederholung und Anwendung. Ein echtes Gespräch, eine kurze Sprachnachricht, eine Podcastfolge, die du konzentriert hörst – das alles zählt. Auch wenn es sich für dich klein anfühlt.
Wenn du möchtest, kannst du dir hierzu die passende Episode im Podcast „Uplevel Your German“ anhören >>>
Du lernst gerade schon – auch jetzt
Wichtig ist mir auch dieser Gedanke: Du tust im Moment bereits etwas für dein Deutsch, einfach indem du diesen Text liest. Vielleicht sitzt du in der U-Bahn, machst eine kurze Pause im Büro, liegst auf dem Sofa oder wartest im Wartezimmer. Du bist also sowieso irgendwo und machst etwas – und verbindest das mit Deutsch.
Genau das ist das Prinzip: Du kombinierst eine Aktivität, die du ohnehin machst, mit der Sprache. So kostet dich dein Deutschlernen in diesem Moment keine zusätzliche Zeit im Kalender. Dieses Prinzip kannst du viel stärker nutzen – beim Lesen, beim Hören einer Podcastfolge oder beim Schreiben einer kurzen Nachricht auf Deutsch.
Deutsch in den Alltag „einbauen“
Schauen wir uns ein paar Möglichkeiten an, wie du Deutsch in deinen Alltag integrieren kannst, ohne daraus ein großes Projekt zu machen.
Eine Variante ist die berühmte Kaffeepause. Vielleicht sprichst du im Job die meiste Zeit Englisch. Gleichzeitig gibt es oft eine Kollegin oder einen Kollegen, mit dem du sowieso hin und wieder redest. Hier könntest du dir vornehmen, in einer Kaffeepause pro Woche ganz bewusst auf Deutsch zu sprechen. Das muss gar nicht lange sein: Fünf bis zehn Minuten Smalltalk über das Wochenende, das Wetter oder ein kleines Projekt reichen völlig. Du kannst sogar offen sagen: „Ich möchte mein Deutsch verbessern – können wir in der Pause Deutsch sprechen?“ Viele Menschen merken gar nicht, dass sie automatisch ins Englische wechseln, wenn jemand ihre Sprache nicht perfekt beherrscht. Wenn du sagst, dass du Deutsch üben möchtest, freuen sie sich in der Regel und unterstützen dich gern.
Vielleicht lebst du in Deutschland, aber du hast keine deutschen Kollegen oder arbeitest im Homeoffice. Dann kannst du dir ein anderes Ziel setzen: zum Beispiel einmal pro Woche eine Unterhaltung auf Deutsch zu führen. Das kann beim Friseur sein – dort hat man oft etwas Zeit –, an der Bäckertheke, wenn gerade nicht viel los ist, im Café, im Sportverein oder bei Elternabenden in Schule oder Kindergarten. Es müssen nicht lange Gespräche sein. Zwei, drei Sätze Smalltalk sind ein sehr guter Anfang. So verbindest du etwas, das du sowieso tust, mit einem kleinen Sprachtraining. Du verbindest das Angenehme mit dem Nützlichen.
Fünf-Minuten-Fenster statt „Ich habe keine Zeit“
Sehr hilfreich ist es auch, nicht nur auf ganze Stunden zu schauen, sondern auf kleine Lücken im Alltag. Statt „Ich habe keine Zeit“ könntest du dich fragen: „Wo habe ich fünf Minuten, die ich oft einfach mit Scrollen am Handy verbringe?“
Vielleicht ist das morgens beim ersten Kaffee, auf dem Weg in der U-Bahn, im Wartezimmer oder abends auf dem Sofa. In diesen fünf Minuten musst du nicht „richtig lernen“ – eine kleine Aktion reicht:
Du kannst zum Beispiel eine Vokabel-App öffnen und ein paar Wörter wiederholen. Du kannst einen kurzen Text lesen, vielleicht einen Abschnitt aus einem Buch oder einen Blogartikel wie diesen. Du kannst Sätze aus einer Podcastfolge nachsprechen oder einen kleinen Absatz über deinen Tag auf Deutsch schreiben.
Eine Teilnehmerin von mir macht das ganz klassisch: Beim Frühstück legt sie ein Grammatikübungsbuch neben den Teller und macht genau eine Übung. Das dauert fünf Minuten – aber sie macht es jeden Tag. Und genau diesen regelmäßigen Effekt merkt man.
Drei Fragen, die dir helfen
Damit du nicht nur in der Theorie hängenbleibst, helfen dir drei konkrete Fragen:
– Wann am Tag wäre ein realistischer Moment für fünf Minuten Deutsch – morgens, mittags oder abends?
– Wo bist du dann – in der Küche, im Auto, in der U-Bahn, auf dem Sofa?
– Was könntest du in diesen fünf Minuten genau tun – lesen, hören, schreiben, Vokabeln wiederholen?
Es macht einen großen Unterschied, ob du nur denkst „Ich will mehr Deutsch lernen“ oder ob du den Satz präziser formulierst, zum Beispiel:
„Immer wenn ich meinen Nachmittagskaffee trinke, nutze ich fünf Minuten für Deutsch.“
„Immer wenn ich im Bus sitze, öffne ich meine Vokabel-App.“
„Immer wenn ich spazieren gehe, höre ich eine Podcastfolge und achte ganz bewusst auf bestimmte Wörter.“
Je konkreter du wirst, desto einfacher ist es, wirklich ins Tun zu kommen.
Wenn dein Leben gerade wirklich sehr voll ist
Es gibt Zeiten im Leben, in denen man ehrlich sagen muss: Gerade ist einfach sehr viel los. Ein Neugeborenes, eine schwere Krankheit in der Familie, eine extreme Stressphase im Job oder ein Umzug in ein anderes Land – all das kostet Energie.
Vielleicht bist du in genau so einer Situation und denkst: „Ich bin froh, wenn ich duschen und schlafen kann. Mehr geht gerade nicht.“ In solchen Momenten ist es wichtig, dass du dich nicht zusätzlich mit schlechtem Gewissen belastest.
Statt ständig zu denken: „Ich sollte mehr Deutsch lernen, ich schaffe es schon wieder nicht“, könntest du bewusst entscheiden: „In den nächsten vier Wochen hat Deutsch keine große Priorität. Ich kümmere mich um andere Dinge. Danach schaue ich neu.“ Das ist ehrlicher und viel freundlicher dir selbst gegenüber.
Wenn du trotzdem die Verbindung zur Sprache behalten möchtest, reichen kleine Dinge: du liest Schilder, überlegst beim Kochen, wie die Zutaten auf Deutsch heißen, oder nimmst dir ein einziges Wort am Tag vor, das du dir merkst. Mehr muss es in solchen Phasen nicht sein.
Wenn du ein konkretes Ziel hast
Es gibt auch die andere Seite: Du hast ein klares Ziel. Vielleicht möchtest du in sechs Monaten die B1-Prüfung bestehen oder du brauchst Deutsch für deinen Job, und zwar möglichst bald. In solchen Situationen reicht ein bisschen Podcast beim Spazierengehen in der Regel nicht aus.
Dann brauchst du einen konkreten Plan, feste Zeiten, mit denen du arbeiten kannst, passende Materialien und jemanden, der dich begleitet – eine Lehrerin, einen Kurs oder eine Lerngruppe. Das kann ein flexibler Online-Kurs sein, in dem du die Zeiten selbst wählen kannst, ein 1:1-Unterricht, wenn du sehr gezielt arbeiten möchtest, oder ein Kurs in einer Sprachschule vor Ort, wenn dir feste Termine und eine Gruppe wichtig sind.
Alle diese Wege sind in Ordnung. Entscheidend ist die Frage: Was passt zu deinem Leben gerade? Und was kannst du nicht nur in Woche eins, sondern auch nach drei oder vier Monaten noch realistisch durchhalten?
Neue Sätze, die dich unterstützen
Zum Schluss möchte ich dir ein paar alternative Sätze anbieten, die dir im Alltag helfen können. Statt „Ich habe keine Zeit zum Deutschlernen“ könntest du dir zum Beispiel sagen:
„Mein Tag ist voll, aber fünf Minuten für mein Deutsch finde ich.“
„Ich lerne Deutsch im Alltag, nicht nur am Schreibtisch.“
„Deutsch ist mir wichtig, deshalb bekommt es jeden Tag ein kleines bisschen Platz in meinem Leben.“
„Ich bin jemand, der Deutsch lernt – auch wenn es nur kurze Momente sind.“
Sprachenlernen ist ein Marathon und kein Sprint – oder, wenn dir das Bild besser gefällt: eine Reise. Es gibt Abschnitte, in denen du schnell vorankommst, und Abschnitte, in denen du langsamer unterwegs bist. Beides ist normal.
Vielleicht suchst du dir einen der Sätze aus, der sich für dich gut anfühlt, und schreibst ihn dir auf – in dein Notizbuch, an den Kühlschrank oder als Hintergrund auf deinem Handy.
Deine kleine Aufgabe für diese Woche
Zum Abschluss noch eine kleine, sehr einfache Aufgabe:
Achte in den nächsten Tagen darauf, wie oft der Gedanke „Ich habe keine Zeit zum Deutschlernen“ in deinem Kopf auftaucht. Wenn du ihn bemerkst, ersetze ihn durch: „Im Moment ist viel los – aber heute nehme ich mir fünf Minuten für mein Deutsch.“
Entscheide am besten sofort, wann diese fünf Minuten sein sollen: gleich nach dem Lesen dieses Textes, heute Abend vor dem Schlafengehen oder morgen früh beim Kaffee. Und dann mach nur eine Sache: Lies einen kurzen Abschnitt noch einmal und markiere drei neue Wörter. Oder formuliere drei Sätze über deinen Tag auf Deutsch. Oder benenne zehn Gegenstände um dich herum – mit Artikel und Plural.
Mehr muss es nicht sein.
Zum Schluss
Dein Leben ist wahrscheinlich voll. Du jonglierst viele Dinge gleichzeitig – und Deutsch ist nur eines davon. Genau deshalb möchte ich dir sagen: Du musst nicht perfekt lernen, du musst nicht jeden Tag eine Stunde finden. Kleine, regelmäßige Schritte sind viel stärker als große, perfekte Pläne, die nie passieren.
Du tust jetzt schon etwas, indem du diesen Text auf Deutsch liest. Darauf kannst du aufbauen.
Wenn du das Thema zusätzlich hören möchtest, findest du in meinem Podcast „Uplevel Your German“ die passende Folge mit dem Titel „Keine Zeit zum Deutschlernen?“. Vielleicht liest du beim nächsten Mal mit, während du zuhörst – dann hast du gleich doppelte Übung.
%2013_12_21.png)











